Sartre (Egmont Verlag, Germany)

Am 4. Mai 2016 ist mein Buch “Sartre” auf deutsch erschienen. Zeichnungen: Anaïs Depommier

“Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.”

■ Das Vorbild und der Vordenker der 68er-Generation
■ Eine Biografie des berühmten europäischen Intellektuellen par excellence
■ Mit einem ausführlichem “Who is Who” der Zeitgenossen Sartes


Anaïs Depommier, Mathilde Ramadier
Sartre
€ 24,99 (D)/€ 25,70 (A)*
160 Seiten, gebunden
Erscheint am 04.05.2016
Egmont Graphic Novel

Jean-Paul Sartre war einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs unterstütze er die Résistance. Nach 1945 wurde er zu einer der wichtigen kritischen Stimmen Europas. In Deutschland ist der Philosoph und Begründer des Existenzialismus vorrangig aufgrund seiner Romane und Theaterstücke bekannt, z. B. Die Fliegen, Geschlossene Gesellschaft und Die schmutzigen Hände. Mathilde Ramadier und Anaïs Depommier arbeiteten drei Jahre an dieser Comic-Biografie.

Mathilde Ramadier wurde 1987 im Südosten Frankreichs geboren. Sie studierte an der Hochschule für Angewandte Kunst und Kunstgewerbe in Paris. Vier Jahre leitete sie eine Sendung bei Radio Campus Paris über elektronische Musik. Ihre erste Graphic Novel über den französischen Techno-DJ Laurent Garnier erschien 2013. Sie
lebt und arbeitet in Berlin.

Anaïs Depommier stammt aus demselben Dorf wie Mathilde Ramadier. Wenn ihre Eltern sich trafen, lagen sie nebeneinander in der gleichen Babytragetasche. Auch in der Schule waren sie unzertrennlich. An den Wochenenden verschlangen sie in selbstgebauten Hütten im Wald Schokoladenbrote und Comics. Später trafen sie sich in Valence wieder, im Atelier des Malers Jean-Michel Pétrissans, um sich auf die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule vorzubereiten. Anaïs studierte Zeichnen an der Kunstschule Émile-Cohl in Lyon. Danach arbeitete sie im Atelier OneShot. Heute lebt sie in Paris und ist in den Bereichen Comic, Grafik und Animation tätig.

Mathilde Ramadier im Gespräch

Wie kam es zu der Idee, eine Graphic Novel über Jean-Paul Sartre zu machen?
Ich habe 2010 an jener École Normale Supérieure studiert, auf der auch Sartre war. Ich habe dort meinen Master gemacht und eine Abschlussarbeit zum Thema „Sartre und die Psychoanalyse“ geschrieben. Mich hat dabei fasziniert, dass Sartre immer diese hohe Erwartung an die Freiheit hatte, und die Vorstellung eines menschlichen Unbewussten war für ihn damit nicht vereinbar. Wenn es dieses Unbewusste tatsächlich gab, wäre es dem Menschen nämlich unmöglich, tatsächlich frei zu sein.
Nach meinem Master bin ich dann nach Berlin umgezogen, und 2011 habe ich meine Kindheitsfreundin Anaïs gefragt, ob sie Lust hätte, die Zeichnungen dafür zu machen. Sie sagte Ja, also haben wir angefangen, das Buch zu planen.

Warum hast du dich für die Form der Graphic Novel entschieden? Und was kann eine Graphic Novel, was andere Bücher nicht können? 
Es gibt jede Menge Bücher über Sartre von Experten, aber eine Graphic Novel noch nicht. Ich selbst bin mit Graphic Novels groß geworden, und meine Eltern erzählen, dass ich mir mit Asterix und Tim und Struppi selbst das Lesen beigebracht habe.
Es hat uns gereizt, Sartres Welt grafisch wiederzubeleben. Seine Welt ist ja Kult geworden. Und wir wollten diese Welt auch lustig darstellen. Es war interessant für uns, seine Welt nachzubauen, diese Welt des Saint-Germain-des-Prés und auch die Welt der Simone de Beauvoir.
Sartre war sich seiner selbst immer so sicher und doch gleichzeitig so voller Zweifel. Diesen Widerspruch grafisch zu zeigen, hat uns gereizt.
Die Form der Graphic Novel erlaubt mehr Humor als andere Texte. Sartres Gesichtsausdrücke waren immer sehr expressiv. So etwas kann man in einer Graphic Novel wunderbar wiedergeben. Und wir wollten mit der Karikatur spielen, ohne zu übertreiben. In unserem Buch kann man zwar die Stimmen nicht hören, aber wir haben dennoch versucht, den Ton zu treffen. Ich finde zudem, dass Graphic Novels ein sehr gutes Medium sind, um Gefühle wiederzugeben.
Außerdem war da der Reiz, Leser zu finden, die Sartre gut kennen und durch die Comicform etwas Neues an ihm entdecken können. Und bisherige Nicht-Sartre-Leser können ihn vielleicht auf diese Weise für sich entdecken.

Wie lange habt ihr daran gearbeitet? Und wie hat die Zusammenarbeit funktioniert? Wie seid ihr vorgegangen?
Das ist schwer zu beantworten. Die Arbeit daran beinhaltete viele verschiedene Schritte. Die Idee kam mir 2011, den Vertrag für das Buch hatten wir ein Jahr später. Das Manuskript zu schreiben, hat etwa sechs Monate gedauert. Die Zeichnungen brauchten viel länger. Das Buch ist im März 2015 in Frankreich erschienen und etwa drei oder vier Monate vorher war Anaïs mit den Zeichnungen fertig.
Die Arbeiten des Schreibens und Zeichnens sind nicht miteinander vergleichbar.
In meinem Manuskript waren die Dialoge festgelegt. Die Szenengestaltung ging von Panel zu Panel. Anaïs hatte da zeichnerisch dann große Freiheiten. Anaïs hat immer, wenn etwa zehn Seiten fertig waren, diese an mich und an den Verleger geschickt, und wir haben sie uns dann gemeinsam angeschaut.
Unsere Zusammenarbeit war insgesamt recht harmonisch, keine von uns musste wirklich große Kompromisse eingehen. Beispielsweise sind nicht viel mehr Zeichnungen entstanden als jene, die jetzt auch im fertigen Buch zu sehen sind.

Hast du eine Arbeitsweise, die du als typisch für dich bezeichnen würdest?
Ich beginne immer damit, zu Themen zu recherchieren, die mich oft schon lange interessieren. Ein bis zwei Monate lang lese ich dann und mache Notizen.
Anschließend mache ich einen Plan für die Struktur, auch wenn ich dem am Ende nicht unbedingt folge. Aber ich konzipiere Kapitel für Kapitel, und wenn ich schreibe, schreibe ich immer chronologisch. Wenn ich ein Projekt habe, dann versuche ich, jeden Tag in irgendeiner Form daran zu arbeiten, daran zu denken oder irgendetwas Konkretes dafür zu tun. Während der eigentlichen kreativen Phase schreibe ich jeden Tag.
Wenn ein Teil fertig ist, lasse ich ihn gern liegen, um Abstand zu bekommen, und sehe mir das Geschriebene später wieder an.

Woran hast du vor Sartre gearbeitet? Und was sind deine nächsten Projekte?
Sartre war mein zweites Buch. Davor hatte ich schon eins im Bereich Musik gemacht.
Nach Sartre habe ich dann eine Graphic Novel über Berlin mit dem Titel Berlin 2.0 gemacht, die im Februar 2016 bei dem französischen Verlag Futuropolis erschienen ist.
Danach habe ich an einem Projekt gearbeitet, in dem es um Norwegen und die Ölindustrie geht. Und im Augenblick arbeite ich thematisch an einem Projekt zu Gender und Feminismus. Sartre war das erste Buch, das ins Ausland verkauft wurde. Es wird auf Deutsch, auf Norwegisch, Türkisch und Koreanisch erscheinen.

Seit wann lebst du in Berlin?
Seit 2011. Ich bin direkt nach meinem Studium in Paris hierhergekommen. Deutsch habe ich schon in der Schule gelernt, und ich war auch schon ein paarmal im Urlaub in Deutschland. Ich wollte immer schon mal im Ausland leben, und mein Freund, den ich in Paris kennengelernt habe, ist Deutscher. Wir hatten beide Lust, nach Berlin zu gehen. Mir gefällt die Internationalität in Berlin, ich habe Freunde aus zwölf verschiedenen Ländern. Ich mag es sehr, täglich verschiedene Sprachen zu sprechen. Und so eine schöne Wohnung, wie ich hier in Berlin habe, könnte ich mir in Paris niemals leisten. In Paris braucht man etwa dreimal mehr Geld.
Aber ich vermisse das Leben in Frankreich auch, vor allem das Leben in Südfrankreich, wo ich ursprünglich herkomme. Das Wetter in Berlin mag ich zum Beispiel nicht sehr. Ich vermisse Sonne und gute Tomaten. Aber als Künstlerin lebt man in Berlin besser als in Paris, es ist ruhiger hier, es gibt mehr Lebensqualität. Langfristig ist mein Plan, in Frankreich und Deutschland zu leben. Als Autorin hat man ja die Möglichkeit, viel zu reisen.